📄 Fachinformation: Das Prinzip der Kostenmiete und die
Wiederherstellung kommunaler Autarkie
Fokus: Das geplante Vereinsprojekt in Beckum als Modell für Bürgerbeteiligung
1. Die historische Wurzel der Abhängigkeit
Die Entkoppelung des Menschen von seiner wirtschaftlichen Autarkie begann historisch im
Jahr 380 n. Chr. mit dem Edikt von Thessaloniki. Durch die Verschmelzung von
Staatsgewalt und Institutionen und das spätere römische System des Kolonats wurden
ehemals freie Bürger gesetzlich an den Grund und Boden gefesselt. Sie verloren ihr
Eigentum und wurden zu abhängigen Pächtern des Adels und der Kirche.
Im 19. Jahrhundert (Industrialisierung) setzte sich diese Abhängigkeit in den Städten fort:
Menschen konnten ihre Häuser nicht mehr selbst bauen, da der städtische Boden
monopolisiert war. Es entstanden die Mietkasernen. Wohnen wurde von einem
Lebensraum zu einer rein handelbaren Ware, was die dauerhafte finanzielle Abhängigkeit
der Bevölkerung zementierte.
2. Das erfolgreiche Gegenmodell: Die Kostenmiete (Vor 1990)
Dass Volkswirtschaften diesen Kreislauf durchbrechen können, bewies die Bundesrepublik
Deutschland bis zum 1. Januar 1990 durch das Gesetz über die
Wohnungsgemeinnützigkeit:
• Kommunale und genossenschaftliche Wohnungsunternehmen waren steuerbefreit,
mussten sich aber strikt an die Kostenmiete halten.
• Die Miete durfte nur so hoch sein, wie die realen Kosten für Bau, Zins und Instandhaltung
betrugen. Reine Profitgewinne und Dividendenabflüsse an den globalen Kapitalmarkt
waren gesetzlich verboten.
3. Das politische Paradoxon (Die Reifen-Metapher)
Nach der Abschaffung der Gemeinnützigkeit im Jahr 1990 gliederten viele Städte ihre
Wohnungsbestände aus und verkauften sie blockweise an private Großkonzerne, um
kurzfristig Haushaltslöcher zu stopfen.
Das Verhalten der Politik in den darauffolgenden Jahrzehnten gleicht einem klaren
Paradoxon: Es ist vergleichbar mit jemandem, der am hellen Tag die Autoreifen vom
eigenen Wagen abschraubt und sich anschließend lautstark über die steigende
Kriminalität beschwert. Erst entzog der Staat den Kommunen die Werkzeuge zur
Mietpreisregulierung (die Reifen), und heute beklägt die Politik hilflos die Wohnungsnot,
die unbezahlbaren Mieten und die soziale Spaltung.
4. Die messbaren finanziellen Schäden für die Allgemeinheit
Dieses „Abschrauben der Reifen“ führt bis heute zu einem nachweisbaren, gigantischen
volkswirtschaftlichen Schaden:
• Der Dividenden-Abfluss: Ein privater Großkonzern erwirtschaftet heute im Schnitt einen
operativen Überschuss (EBITDA) von ca. 5.600 Euro pro Wohnung und Jahr (rund 466
Euro im Monat). Dieses Geld wird nicht in den Städten reinvestiert, sondern fließt als
Dividende an den globalen Kapitalmarkt ab.
• Die Kaufkraft-Krise: Laut Statistischem Bundesamt sind über 11 % der Haushalte in
Deutschland durch ihre Wohnkosten strukturell überlastet (sie zahlen mehr als 40 % ihres
Einkommens für die Miete).
• Die Steuerzahler-Subvention: Da die Menschen die Marktmieten nicht mehr zahlen
können, muss der Staat jährlich zweistellige Milliardenbeträge an Steuergeldern für
Wohngeld und Kosten der Unterkunft (KdU) aufbringen. Der Steuerzahler subventioniert
damit indirekt die Renditen der privaten Konzerne. Seit Beginn dieser Privatisierungswelle
beläuft sich der kumulierte Schaden für die Bürger und die Staatskassen in Deutschland
auf über 110 Milliarden Euro.
5. Keine Einzelmeinung: Nationale und akademische Kritik
Dass diese Struktur die Kommunen schwächt, ist ein zentraler Diskurs der Gegenwart:
• Der Deutsche Mieterbund und die Gewerkschaften fordern unaufhörlich die
Wiedereinführung einer neuen Wohnungsgemeinnützigkeit.
• Renommierte Wirtschaftsforschungsinstitute (wie das DIW) belegen in Studien, dass
die Privatisierung der Daseinsvorsorge die ungleiche Vermögensverteilung massiv
verschärft und den Kommunen die Steuerungsmacht entzieht.
6. Das Pilotprojekt in Beckum: Vom passiven Mieter zum gestaltenden Bürger
Das geplante Bauprojekt im Rahmen eines gemeinnützigen Vereins setzt als regionales
Pilotprojekt in Beckum genau an der Wurzel dieser historischen Fehlentwicklung an. Es
verfolgt das Ziel, das Prinzip der Autarkie und der Kostenmiete im Kleinen praktisch
umzusetzen und als reales Vorbild zu etablieren.
• Echte Mitbestimmung statt Abhängigkeit: Das Projekt soll den Menschen in Beckum –
insbesondere auch vulnerablen und oft übersehenen Gruppen wie Menschen mit
Behinderungen – zeigen, dass sie keine passiven Objekte eines globalisierten
Finanzmarktes sein müssen. Es soll ihnen den Mut und die Struktur geben, unmittelbare
Mitbestimmung über ihren eigenen Lebensraum auszuüben.
• Zweckbindung statt Spekulation: Da die erwirtschafteten Überschüsse per Satzung
nicht für den privaten Verbrauch bestimmt sind, sondern vollständig im Verein verbleiben,
wird der finanzielle Hebel umgedreht. Jeder Cent bleibt im Projekt, sichert den Erhalt,
senkt die dauerhaften Wohnkosten und stärkt die lokale Gemeinschaft vor Ort. Das Projekt
trägt sich durch den unmittelbaren Return on Invest (ROI) selbst und beweist, dass eine
Stadt von der Basis aus saniert werden kann.